Thomas McCall – Pionier im Fahrradbau

Die Geschichte des Fahrrads mit Lenkung geht zurück auf das Jahr 1817. Karl Freiherr Drais von Sauerbrunn, ein Württemberger, gilt offiziell als Erfinder des damals noch als „Laufmaschine“ beziehungsweise „Draisine“ genannten Fortbewegungsmittels. Dieses Gefährt bestand aus Eschenholz und verfügte, wie das uns heute bekannte Fahrrad, über zwei Räder, von denen das Vorderrad mittels eines Deichsellenkers gesteuert werden konnte.

Um sich fortzubewegen, musste man sich mit den Füßen vom Boden abstoßen. Diese vorsintflutliche Kombination aus „Schubsen und Rollen“ ermöglichte dennoch, eine Geschwindigkeit von 15 km/h zu erreichen.

Nachdem Drais das Vehikel erfolgreich publik gemacht hatte, blieben die Nachahmer nicht lange aus. Überall in Europa und den USA wurde nun versucht, das Gerät zu kopieren und zu verbessern. Auch in Frankreich, wo es schon um das Jahr 1790 Fahrräder gegeben hatte, jedoch ohne Lenkung, weswegen sie schnell wieder in der Versenkung verschwunden waren.

Weiterentwicklung

1867 machte es sich der Franzose Pierre Michaux zur Aufgabe, die Rohversion der von Drais entworfenen Laufmaschine zu verfeinern. So brachte er erstmals eine Tretkurbel mit Pedalen an der Vorderradachse an.

In ganz Europa und Amerika fanden diese weiterentwickelten Fahrgeräte großen Anklang. Doch das Design war noch nicht ausgereift genug. Die Tatsache, dass das Vehikel hauptsächlich durch das Vorderrad angetrieben wurde, brachte Nachteile mit sich.

Das Modell der Franzosen bewirkte, dass das Fahrrad nie geradeaus fuhr, sondern stets von einer Seite zur anderen schaukelte, weil man die Lenkung nicht richtig kontrollieren konnte.

Außerdem wurde man beim Fahren recht durchgeschüttelt, so dass das Fahrrad bald den Beinamen „Boneshaker“ bekam. Dennoch war das Rad enorm beliebt, vor allem in Großbritannien unter wohlhabenden Leuten, die das Rad als Statussymbol verstanden und es liebevoll „Hobby Horse“ (Steckenpferd) nannten.

Entstehung des Hochrads

Zeitgleich entwickelte sich das Hochrad, eine Abwandlung des französischen zweirädrigen Modells. Statt Speichen aus Holz wurden hierbei nun dünne Drähte angebracht. Auch wurden einige Teile, welche bislang aus Eisen bestanden, durch Gummimaterial ersetzt.

Das herausragende Merkmal des Hochrades war jedoch das außergewöhnlich große Vorderrad. Das Hochrad besaß einige Vorteile gegenüber dem gängigen Zweirad: Man saß höher und fühlte sich somit auf gleicher Ebene wie der berittene Adel.

Außerdem war es bequemer und besaß eine leichtere Abrollfähigkeit, das heißt, es legte mit jeder Umdrehung der Räder eine größere Strecke zurück als ein konventionelles kleines Rad.

Allerdings war das Fahren mit dem Hochrad auch nicht ganz ungefährlich. Wer aus dieser Höhe auch schon bei geringer Geschwindigkeit herunterfiel, konnte sich ernsthaft verletzen. Bei manchen ungeschickten Fahrern scheiterte es allein schon am Auf- und Absteigen.

Dies und die Tatsache, dass in Europa zu jener Zeit eine Wirtschaftskrise herrschte, führten dazu, dass das Fahrrad nicht weiter entwickelt wurde und allmählich von der Bildfläche verschwand. Erst viel später sollte das Hochrad wieder in Mode kommen, wenn auch nur als nostalgisches Sammler- und Ausstellungsstück.

Vom Vorder- zum Hinterradantrieb

Im Jahr 1869 machte sich in der schottischen Region Dumfries and Galloway ein gewisser Thomas McCall daran, das Protomodell von Michaux zu verbessern. McCall war Stellmacher von Beruf und produzierte Räder, Wagen sowie Arbeitsgeräte für den landwirtschaftlichen Gebrauch.

Er wurde 1834 in Penpont geboren, verbrachte jedoch den Großteil seines Lebens im nahegelegenen Kilmarnock, wo er mit seiner Frau Mary und seinen sechs Kindern lebte.

McCall gelang es, an das Fahrrad Hebel und Stangen aus Eisen anzubringen, welche eine Kurbel am Hinterrad anwarfen. Der Antrieb wurde somit leichter auf beide Räder verlagert und das Fahren gestaltete sich fortan wesentlich angenehmer und einfacher.

Über seine Arbeit wurde sogar ein informativer Bericht im English Mechanic, einem Wissenschaftsmagazin damaliger Zeit, publiziert. Des Weiteren setze McCall eine Werbeanzeige in die lokale Zeitung, dem Kilmarnock Standard.

Der Konkurrenzkampf

Dann wird die Geschichte mysteriös, denn ein weiterer Mitstreiter kommt ins Spiel im Ringen um den Titel „Erfinder des Fahrrads.“ James Johnston, ein reicher Maishändler, begann, McCalls Fahrrad mit dem neuen Hinterradantrieb zu vermarkten – jedoch nicht mit McCalls Namen als Erbauer.

Johnston behauptete allerorts, die Erfindung wäre ausschließlich seinem Onkel Kirkpatrick, ebenfalls ein Wagenbauer, zuzuschreiben. Dieser hätte das Rad mit Hinterradkurbel angeblich schon 1839 entworfen und wäre damit von seinem Heimatort bis nach Glasgow gefahren, um seinen Bruder zu besuchen – eine beachtliche Strecke von fast 100 km.

Tatsache ist, Kirkpatrick Macmillan war am 8. Juni 1842 wirklich mit einem radbetriebenen Vehikel in Glasgow unterwegs.

Dokumentarisch belegt wurde das Ganze durch den Glasgow Herald, der damals berichtete, Macmillan wäre verbotenerweise auf dem Bürgersteig gefahren und dort versehentlich mit einem kleinen Mädchen zusammen gestoßen. Das Kind blieb unversehrt, aber Macmillan musste eine Strafe von 25 Pence bezahlen.

Dennoch sehen Historiker die Sache kritisch und behaupten, es gäbe einige Ungereimtheiten an Johnstons Darstellung seines Onkels. An einem kleinen Detail scheitert die Beweisgeschichte Macmillans und seiner Fahrt nach Glasgow.

Die lokale Zeitschrift beschrieb das Fahrrad damals sehr präzise, also dass die Räder aus Holz und die Pedale und Hebel aus Eisen gemacht wären.

Doch eine Information wurde hier gänzlich unterschlagen, nämlich jene, ob besagtes Fahrrad überhaupt zwei Räder besaß. Die Historiker erklären, dass zur damaligen Zeit in Schottland lediglich Fortbewegungsmittel mit drei oder vier Rädern existiert hätten.

Es ist also unklar, ob das Macmillans Fahrrad überhaupt ein Zweirad. Insofern wäre doch Thomas McCall der rechtmäßige Erfinder.

Man spekuliert ebenfalls, dass Thomas McCall dringend Geld benötigte und Johnston möglicherweise sogar damit beauftragte, sein Rad für ihn zu vermarkten. Und scheinbar schien er sich nicht daran zu stören, dass ein anderer dafür die Lorbeeren erntete.

Thomas McCall starb 1904. Eine Kopie seines Fahrrads kann im London Science Museum und im Dumfries Observatory bewundert werden. Ein Original befindet sich im Glasgow Museum of Transport.

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